Der Adler auf dem Hühnerhof
Ein Landwirt fing einmal einen jungen Adler, der sich beim Sturz auf seine Beute im Dornengestrüpp verfangen hatte. Er steckte ihn einfach zu seinen Hühnern in den Stall. Nach einiger Zeit benahm sich der Adler wie ein Huhn und pickte ebenso wie die anderen Körner vom Boden.
Eines Tages besuchte ein guter Freund, ein Tierforscher, den Landwirt. Er staunte nicht wenig, als er den Adler auf dem Hühnerhof sah. „Das ist kein Adler mehr“ meinte der Landwirt, „der ist zum Huhn geworden!“ Doch der Freund entgegnete:„Ein Adler bleibt immer ein Adler! Sieh die mächtigen Schwingen! Auch sein Herz fühlt ganz anders als ein Huhn!“ Doch der Landwirt blieb bei seiner Meinung:„Der Adler hat sogar das Fliegen verlernt!“
Der Freund wollte es auf einen Versuch ankommen lassen. Er hob den Adler vom Boden und schwang ihn mit einem kräftigen Wurf in die Luft. Aber der Adler setzte sich sofort wieder auf den Boden und pickte weiter.
Dann der zweite Versuch: Der Freund trug ihn auf das Dach des Hühnerstalls und warf ihn hoch. Der Adler schlug jetzt zwar einige Male mit den Flügeln, als er aber unten die Hühner picken sah, gesellte er sich wieder zum Federvieh. Doch der Tierkenner gab nicht auf. Er sagte: „Ein Adler bleibt sein Leben lang ein Adler! Er stieg mit ihm auf einen Berg hinter dem Bauernhof, in eine andere Umgebung. Oben warf er den Adler wieder in die Lüfte und schrie ihm zu: „Los, mächtiger König der Vögel. Kehre in die Freiheit zurück!“ Vergebens. Die Flügelschläge waren zu schwach, um ihn über den Erdboden zu heben.
Enttäuscht dachte der Mann nach. Da sah er die Sonne hoch am Himmel. „Das ist es!“, sagte er, nahm den Kopf des Adlers und ließ ihn geradewegs in die Sonne blicken. Und plötzlich stieß der Adler einen Schrei aus, sein ganzer Körper zitterte, und mit den mächtigen Schlägen seiner Schwingen hob er sich in die Lüfte – höher und höher – und kehrte nie wieder zurück.
Willi Hoffsümmer, Kurzgeschichten
